Stadtkaufhaus an der Paulinenbrücke
Sophienstraße 21, 70178 Stuttgart
Tel: +49 711 2804190
Anfahrt & Parken
Öffnungszeiten des Gerber: 07:30 - 22:00 Uhr Bitte individuelle Öffnungszeiten der Läden und Gastronomien beachten.

Stuttgart auf den zweiten Blick

An einem frischen Frühlingsvormittag trafen sich am 19. März knapp 30 Interessierte zu einer Führung durch das Gerberviertel. Eingeladen hatten Andrea Nuding und der Gerberviertel e.V.

An einem frischen Frühlingsvormittag trafen sich am 19. März knapp 30 Interessierte zu einer Führung durch das Gerberviertel. Eingeladen hatten Andrea Nuding und der Gerberviertel e.V. Bei den historisch-kulinarischen Innenstadtführungen kommen Anwohner wie Touristen auf ihre Kosten.

Führung Gerberviertel
Nachdem am Vortag in der Sonne noch bis zu 16 Grad gemessen wurde, mussten sich die Teilnehmer leider etwas mehr anziehen, da das Thermometer nur noch knapp über Null kam. Aber die Historie nicht nur des Viertels zeigt, dass der Frühling irgendwann dann doch mit voller Kraft durchstartet.
Frühling im Gerberviertel

Führung Gerberviertel

 

Das Gerberviertel

Das Gerberviertel ist ein relativ junger Stadtteil, welcher erst im 18./19. Jahrhundert entstand. Wie man unschwer erraten kann, bildet ein Berufsstand den Grund für den Namen des Innenstadtquartiers. Während zu Hochzeiten knapp 30 Gerber im Viertel ihrem Gewerbe nachgehen, waren es Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch fünf, in den 30er Jahren dann nur noch zwei. Nach dem 2. Weltkrieg gab es keine Gerber mehr im Gerberviertel. Seit 2014 gibt es mit dem Stadtkaufhaus zumindest wieder „ein“ Gerber im Quartier.

 

Tagblatturm Gerberviertel

 

Führung durch das Gerberviertel

Erste Station der Führung war der frisch von seinem Gerüst befreite Tagblattturm. Die gerade renovierte Außenfassade „strahlte“ erst seit wenigen Tagen wieder in ihrem historischen Grau von 1928. Während man heute Hochhäuser erst ab mehreren hundert Metern gelten lässt, war das Projekt zur Bauzeit außergewöhnlich vertikal. Im Tagblattturm war bis 1978 die Stuttgarter Zeitung bzw. der Vorgänger – das Stuttgarter Neue Tagblatt – ansässig. Bereits vor der Presse wurde hier schon im 18. Jahrhundert an Wörtern und Sätzen gefeilt. Friedrich Schiller wohnte hier 1780 bis 1782. Seine Vermieterin und Muse Luise „Laura“ Vischer soll dabei für ihren jungen Mieter nicht nur gekocht und Klavier gespielt haben. Gleich rechts neben dem Haupteingang in den Tagblattturm findet sich eine Tafel mit dem Konterfei des Dichters.

„Ich fahre hier jeden Tag vorbei, aber das wusste ich nicht!“ sagt ein Anwohner des Gerberviertels, hält sich die Mütze fest und schaut den Tagblatt-Turm hinauf. Im Jahr 1928 war unsere Stadt mal wieder weltklasse: Stuttgarts erstes Hochhaus beherbergte damals den längsten Paternoster-Aufzug des Planeten.

 

In der Gerberstraße konnten die Teilnehmer dann das letzte noch existierende Gerberhaus bestaunen. Typisch sind dafür die Holzbalkone an der Rückseite, die zum Trocknen der Tierhäute genutzt wurden. Hier ging ab 1874 ein Herr namens Daniel Josenhans seinen Geschäften als Gerber nach. Die derzeitige Vorsitzende des Gerberviertel e.V. Tina Josenhans, die ein Modegeschäft in der Sophienstraße betreibt, ist möglicherweise eine Nachfahrin, was an dieser Stelle aber reine Spekulation ist.

In der Gerberstraße konnte auch die etwas ungewöhnliche Hausnummer 17½ entdeckt werden. Einen Gleis 9¾ konnten die Teilnehmer im Gerberviertel aber nicht finden.

 

07_17,5

 

Entlang des Nesenbaches ging die Führung dann unter anderem zum Affenwerner. Am Standort des heutigen Hotel Royal in der Sophienstraße war dort quasi ein Vorgänger der Wilhelma zu finden. Der Gastronom Gustav Werner eröffnete nämlich an dieser Stelle 1840 eine Gaststätte, in deren Hof er einen privaten Zoo einrichtete. Nach Papageien und Pfauen gab es später sogar Bären, Leoparden und Löwen. Von den Papageien ist überliefert, dass sie vom Wirt zum Ausruf revolutionärer Parolen dressiert wurden, was Gustav Werner beinahe hinter Gitter brachte. Das zoologische Gastronomiekonzept überlebte den Inhaber leider nur wenige Jahre. Aber heute haben wir ja die Wilhelma.

Neben weiteren Stationen wie Altem Schauspielhaus, Stadtmauerresten und Wilhelmsbau konnte im Zuge der Führung auch der immer noch recht neue Shared Space in der Tübinger Straße begutachtet werden. Eine Maßnahme der Stadtentwicklung, welche das Erscheinungsbild der Tübinger Straße, weg von einer Durchfahrtsstraße, hin zu einer Flaniermeile, entscheidend beeinflusst hat.

Ein Highlight der Tour war sicher auch der Gang auf das Dach des Stadtkaufhauses Gerber. Hier konnten die Teilnehmer sehen, wie man ruhig und zurückgezogen inmitten der Innenstadt leben kann.

 

Das Gerber Dach

12_Dach Gerber

Führung Gerberviertel

Ziel der Führung war schließlich das Café Pano im Gerber wo die Teilnehmer noch ein paar leckere Snacks und ein Gläschen Gerberviertele-Wein genießen konnten – passend zum Eingang ins Gerber von der Tübinger/Ecke Sophienstraße her, an dem über dem Eingang „In vino veritas“ in den Stein gemeißelt ist. Dies ist aber dann doch nicht der Slogan des Gerbers: der Erstbezug in das Gebäude und gleichzeitig Bauherr war damals ein Weinhändler.

Nach der Führung erkundeten viele der Teilnehmer noch die Geschäfte des Gerber Upstairs, die für einige neu waren und vom Konzept her ohnehin immer wieder neu entdeckt werden können oder kauften ein paar Flaschen Gerberviertele im Supermarkt des Stadtkaufhauses.

Der Gerberviertel e.V. bietet HIER die Führung gemeinsam mit Andrea Nuding zukünftig auf Nachfrage für Gruppen ab zehn Personen an. Wer über Stäffeles und Schlossplatz schon alles weiß, lernt hier die Stadt hinter der Stadt kennen.

Führung Gerberviertel